UNIVERSITÄT KARLSRUHE


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Vortrag zum Thema
DER ERZIEHUNGS- UND BILDUNGSAUFTRAG DES GYMNASIUMS

Michael Ralph Pape


Date: WS 1998/1999

GRUNDLAGE

Das Schulsystem gründet auf dem Erziehungs- und Bilungsauftrag, der im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, in der Verfassung des Landes Baden-Württemberg und im Schulgesetz von Baden-Württemberg verankert ist.

So soll laut §1 des Schulgesetzes von Baden-Württemberg ,,jeder junge Mensch ohne Rücksicht auf Herkunft oder wirtschaftliche Lage das Recht auf eine seiner Begabung entsprechenden Erziehung und Ausbildung`` haben und ,,zur Wahrnehmung von Verantwortung, Rechten und Pflichten in Staat und Gesellschaft vorbereitet werden``.

Der Bildungsplan für das Gymnasium der Normalform ist die verbindliche Vorgabe für den Unterricht. Der Lehrplan sieht fächerverbindende Themen, verpflichtende Inhalte und Wahlinhalte innerhalb der Fächer vor.

AUFGABEN UND ZIELE

Die Aufgabe des Gymnasiums ist es, Schüler zu einer ,,breiten und vertieften Allgemeinbildung`` zu führen und insbesondere Schülern mit entsprechender Begabung und entsprechenden Bildungsabsichten die allgemeine Studierfähigkeit zu ermöglichen.

Die Schule muß Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten vermitteln und die Schüler zur ,,Anerkennung der Wert- und Ordnungsvorstellung der freiheitlich demokratischen Grundordnung`` erziehen. Darüber hinaus hat sie die Entfaltung ,,gefühlsmäßiger und schöpferischer Kräfte`` sowie die Ausbildung sozialer und gesellschaftlicher Wertvorstellungen wie Toleranz, ,,Menschlichkeit, Friedensliebe, Liebe von Volk und Heimat``, Achtung der Würde und der Überzeugung anderer, Leistungswillen und ,,Verantwortungsbewußtsein für Mensch, Natur und die eigene Person`` zu fördern.

Bei der Erfüllung ihres Auftrages hat die Schule das ,,verfassungsmäßige Recht der Eltern, die Erziehung und Bildung ihrer Kinder mitzubestimmen, zu achten und zu berücksichtigen``. Deshalb ist für die erzieherische Aufgabe der Schule ist ein enges Zusammenwirken mit den Elternhaus ganz besonders wichtig.

Darüber hinaus gehört es zum Erziehungs- und Bildungsauftrags des Gymnasiums, die Schüler darauf vorzubereiten, selbständig über ihre Studien- und Berufswahl zu entscheiden und selbständig und verantwortlich am Arbeits- und Wirtschaftsleben teilzunehmen.

Neben der Fähigkeit, ,,theoretische Erkenntnisse nachzuvollziehen, schwierige Sachverhalte und abstrakte Zusammenhänge zu verstehen, zu ordnen und verständlich darzustellen``, stellt der Umgang mit der Muttersprache und mit fremden Sprachen in Wort und Schrift ein besonderes Anliegen des Gymnasiums dar. Über die Sprache wird dem Schüler der Zugang zu ästhetischen Erfahrungen ermöglicht. Er muß angehalten werden, Zusammenhänge selbständig und kritisch zu beurteilen, um damit ein differenziertes Wertebewußtsein zu entwickeln.

Die Beschäftigung und der systematische Umgang mit den Erscheinungen und Gesetzmäßigkeiten der Natur befähigt die Schüler, funktionale Gesetzmäßigkeiten zu erfassen und Modelle der Wirklichkeit aufzustellen. Damit verbessern sie zunehmend ihr Abstraktionsvermögen.

UNTERRICHTSGESTALTUNG

Durch attraktive Unterrichtsgestaltung werden die Schüler entsprechend ihres Alters in die Methoden geistigen Arbeitens eingeführt. Hierzu gehören die Grundsätze der Anschaulichkeit, der Wechsel der Arbeitsformen und die Progression. Dabei kommt der Gruppenarbeit und dem fächerverbindenden Denken eine besondere Rolle zu. Der Zeitrahmen für die Pflichtinhalte der Fächer ist daher so gestaltet, daß für die fächerverbindende Arbeit genügend Zeit bleibt. Dies erfordert eine rechtzeitige Absprache aller beteiligten Lehrkräfte.

Das bewußte Zusammenwirken der Fächer wird durch die Integration von Themen mit besonderer gesellschaftlicher und erzieherischer Relevanz betont. Solche Themen sind z.B. das wiedervereinigte Deutschland, der europäische Einigungsprozeß, die Friedenssicherung, das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Nationalität und Kultur, die Gleichberechtigung von Mann und Frau und die Umwelterziehung.

ANFORDERUNGEN AN DEN LEHRER

Die Aufgabe der Lehrer ist es, den Schülern Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten im Rahmen des Unterrichts zu vermitteln. Dieser Anforderung werden die Lehrer aufgrund ihrer soliden Fachkompetenz und der Kenntnis von Methoden der Vermittlung des Lernstoffs gerecht. Die fachliche Kompetenz wird erhalten und ergänzt durch die Bereitschaft, sich ständig weiterzubilden und über die eigenen Fächergrenzen hinwegzusehen. Ein wesentliches Merkmal engagierter und erfolgreicher Arbeit am Gymnasium ist die Fähigkeit, bei Schülern Interesse für die Inhalte und Methoden der Schulfächer zu wecken.

Da Erziehung und Unterricht nicht voneinander zu trennen sind, wirken die Lehrer nicht nur durch Worte sondern auch durch Person und Beispiel erziehend. Dies setzt voraus, daß sie selbst über Eigenschaften wie Einfühlungsvermögen, Geduld, Neugier, geistige Beweglichkeit, Zielstrebigkeit, Vorurteilsfreiheit, emotionale Stabilität und Erfolgszuversicht verfügen.

Bei der schwierigen Frage der Beurteilung ihrer Zöglinge müssen die Lehrer möglichst objektiv sein und bleiben. Um ein möglichst umfassendes Bild der Persönlichkeit des Schülers zu erhalten, kann das Gespräch mit den Eltern hilfreich sein. Um den Eltern das Einbringen ihrer Beiträge in

FÄCHER

Die Grundlage für die Bildungs- und Erziehungsarbeit am Gymnasium bilden die folgenden Fächer:

Religionslehre, Deutsch, Erdkunde, Geschichte, Gemeinschaftskunde, moderne Fremdsprachen, alte Sprachen, Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Informatik, Sport, Musik, Bildende Kunst und Ethik als Ersatzfach.

Die verschiedenen Religionsunterrichte führen jeder auf seine Weise in die christliche Tradition ein. Sie muntern zum gemeinsamen Gespräch über elementare Grunderfahrungen, wie Geborgenheit Freundschaft, Liebe, Angst, Versagen, Tod, usw. auf. Sie motivieren zu religiösem Leben und verantwortlichem Handeln in Gesellschaft und Kirche und fördern Tolerenz und Verständnis gegenüber Andersdenkenden.

Ethik gibt Einblicke in die Wertvorstellungen und Normen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Sie klärt über die Verantwortung bei der Vielfalt von Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten auf und vermittelt, daß die Würde des Menschen unantastbar ist. Sie fördert die Schüler in ihrer Charakter- und Persönlichkeitsbildung und lehrt Werte wie Moral, Toleranz, Zivilcourage und Solidarität.

Gemeinschaftskunde vermittelt Einsichten in politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und rechtliche Zusammenhänge der Gegenwart, betont das Wesen der Demokratie und klärt über die Rechte und Pflichten des Einzelnen auf. Die Schüler erfahren die Vielschichtigkeit politischer Probleme und werden zu toleranten, rational denkenden und urteilenden, verantwortlichen Bürgern erzogen.

Die Geschichte führt Schüler zur Beschäftigung mit politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnissen und Geschehensabläufen in der Verganganheit. Sie trägt durch den Erwerb und die Sicherung von historischem Wissen zum besseren Verstehen der Gegenwart bei. Gerade durch die neue Geschichte können die Schüler einen Teil ihrer Identität begreifen. Auf diese Weise lernen sie den Wert der demokratischen Grundordnung schätzen.

Deutschunterricht führt die Schüler zum selbständigen, schöpferischen und normgerechten Umgang mit der Muttersprache, d.h. zu einem bewußten und differenzierten Sprachgebrauch. Er aktiviert gleichermaßen Gefühl, Verstand, Phantasie, analytisches Denken, Einfühlungsvermögen, Kritikfähigkeit sowie das Nachdenken über Sinn- und Wertefragen des Lebens. So fördert er die Bereitschaft zu eigenverantwortlichem Handeln. Die Schüler gewinnen Einsicht in das Wesen der Sprache und ihre Entwicklung und Bedeutung für die menschliche Gesellschaft. Sie können ihre Individualität entfalten und lernen durch Diskussionen, in Gemeinschaft zu leben. Die Beschäftigung mit literarischen Werken fördert die Vorstellungsfähigkeit und vermittelt Grundmuster menschlicher Erfahrungen.

Die alten Sprachen Latein und Griechisch setzten sich mit Werten und Normen, Fragen und Antworten auseinander. Sie vermitteln Verständnis für unterschiedliche Formen der Lebensbewältigung, fördern die Ausdrucksfähigkeit im Deutschen und regen an, generell über Sprache nachzudenken.

Die modernen Fremdsprachen wie Englisch, Französich, Spanisch, Italienisch bereiten die Schüler auf Begegnungen mit Menschen aus fremden Ländern vor. Sie vermitteln sprachliche und kulturelle Einsicht, fördern Verständnis, Weltoffenheit, Verantwortungsbewußtsein und Toleranz und tragen dadurch zur Völkerverständigung bei. Durch den Erwerb von Sprachkenntnissen steigt auch die Bereitschaft zu Mobilität, Kommunikation und Kooperation. Die Schüler erlernen Arbeitshaltungen wie Sorgfalt, Ausdauer, Selbständigkeit, Konzentration sowie logisches Denken.

Sprachen tragen als Medium für kreatives und ästhetisches Gestalten zur Identitätsfindung und Persönlichkeitsentwicklung bei.

Mathematik ist ein weiterer wichtiger Beitrag zur Allgemeinbildung. Sie ist aus ,,dem Streben des menschlichen Geistes nach quantitativem Erfassen der Umwelt``, und aus dem ,,Streben nach zweckfreiem Erkunden von Zusammenhängen, nach Erkennen von Strukturen und nach Abstraktion``, entstanden. Sie ist das Handwerkszeug der Naturwissenschaften und der Informatik, denn das Arbeiten mit mathematischen Modellen der Wirklichkeit ist unverzichtbar. Dadurch wird sie zur Voraussetzung für die geistige Orientierung und Urteilsfähigkeit in unserer komplexen Welt. Ihr zentrales Anliegen ist es, in das mathematische Problemlösen einzuführen und dabei die Tragweite und die Grenzen der verwendenten Methoden klar zu machen. Darüberhinaus wird das Verstehen von möglichen Wechselwirkungen, das Denken in Zusammenhängen, Abstraktionsfähigkeit, Logik, usw. gelehrt. Das Lösen von Problemen, selbständig wie in Gruppen, erfordert Zielstrebigkeit, Durchhaltevermögen und Kreativität. Dadurch erlangen die Schüler Vertrauen in die eigenen Leistungen.

Die Naturwissenschaften Physik, Chemie und Biologie haben als Ziel, die Natur zu erfassen und zu verstehen. Sie erkunden deren Gesetze und führen sie auf wenige Prinzipien zurück. Durch ihre Vielfalt tragen sie zu Gesundheits-,
Umwelt- und Sicherheitserziehung bei. So leisten sie einen wesentlichen Beitrag zum Selbst- und Weltverständnis der Schüler. In den einzelnen Fächern lernen die Schüler das Verstehen komplexer Sachverhalte durch Modellbildung, logisches Denken, Teamfähigkeit, Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung und ausdauerndes konzentriertes Arbeiten. Die betrachteten Phänomene vermitteln Freude und Erfurcht und öffenen den Schülern die Augen für die Ordnung und Schönheit der Natur.

Erdkunde vermittelt geographische Kenntnisse und Grundeinsichten und läßt die Schüler den Menschen als Teilhaber und Gestalter seiner Umwelt erleben. Sie gewinnen Einblicke in die landschaftliche und kulturelle Vielfalt fremder Völker und verstehen die Notwendigkeit zunehmender Integration. Dadurch werden sie sich der wachsenden internationalen Verflechtungen bewußt. Erdkunde setzt kreative Kräfte frei, fördert das Erkennen von Problemen, das Finden von Lösungswegen, die Fähigkeit zu vernetztem Denken, die Teamfähigkeit, die Hilfsbereitschaft und die Persönlichkeitsbildung.

Sport ist ein wichtiger Beitrag für die körperliche, geistige und emotionale Entwicklung der Schüler. Er trägt zum Wohlbefinden und zur Gesundheit bei, schafft Selbstvertrauen und baut Brücken ausserhalb der Schule. Er schmiedet Gemeinschaft. Durch ihn lernen Schüler Selbstdisziplin, Durchhaltevermögen und soziales Handeln.

Musik und Bildende Kunst wecken Freude, vermitteln ästhetische Werte und handwerkliche Fertigkeiten. Sie tragen dadurch zu einer sensiblen Persönlichkeit bei.




KOMMENTAR

Bei der Ausarbeitung dieses Seminars habe ich versucht, den ,,Tonfall``, in dem der Bildungsplan für das Gymnasim der Normalform geschrieben ist, möglichst orginalgetreu wiederzugeben. Mir fiel auf, daß der Plan sehr absolut verfaßt ist, d.h. es wird immer geschrieben ,,das Gymnasium vermittelt``, dabei hieße es besser ,,das Gymnasium will oder soll vermitteln``. Man erhält den Eindruck, daß jeder Schüler, der das Gymnasium nach neun Jahren verläßt, ein Mustermensch ist, d.h. harmonisch, gut gebildet, tolerant, moralisch, zielstrebig, verantwortungsvoll, usw. Daß dem nicht so ist, wir wissen alle. Die Schule muß sensibilisieren, zum Nachdenken anregen und auf die Vielfalt unserer Welt aufmerksam machen. Sie muß Anreize liefern, so daß jeder Schüler sich persönlich weiterentwickeln kann. Die oben genannten Eigenschaften lassen sich nicht erzwingen.



Michael Ralph Pape
2000-09-15